|
Poesie und Naivität –
Über den Zustand der Gedichte gleich hinter den Universitäten
Rede zur Entgegennahme des F.-C.-Weiskopf-Preises 2004 vom 9. Mai 2004
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich danke der Akademie der Künste, ich danke der Jury für ihre mutige Entscheidung, mir den F.-C.-Weiskopf-Preis zuzusprechen. Eine mutige
Entscheidung deshalb, weil ich fast zehn Jahre darauf warten musste, einen neuen Verleger für meine Gedichte zu finden, und weil meine Gedichte den falschen Zauber von Wissenschaftsschmeichelei und
Bildungsdemonstration schon immer ignoriert haben. Was nicht alles in heutigen Gedichten so vorzukommen hat, wegen der permanenten Angst, eine angestrebte Weltläufigkeit zu verfehlen, alles, bis auf die unbefangene
Eindringlichkeit der täglichen Verwunderung, in ihrer vertrauensenergischen Zuneigung gegenüber den Dingen und Menschen, die in diesem Land nicht die geringste Bewandtnis haben. In keinem Land
hier. Der Angler und die Fische. Die Geduld der Angler und der Fische. Was sind schon die Katzengoldhebernetze der Germanistik und der Literaturkritik, wenn sich zwar die Ironie der zweiten Handlungsebene
und so was ähnliches wie affirmative Metapherndekonstruktion in ihnen verfangen, aber diese Sätze von Ota Pavel wohl für immer zu klein und geringfügig sind für ihre gestrengen, anspruchsvollen Maschen:
„Bedeutsam ist, daß vieles aus meinem Leben verschwand, die Fische aber darin blieben. Sie verbanden mich mit der Natur, in der es keine lächerlich zuckelnde Straßenbahn der Zivilisation gibt. Heute weiß ich
bereits, daß viele Menschen nicht nur wegen der Fische angeln gehen, sondern weil sie allein sein wollen wie in früheren Zeiten, daß sie noch das
Rufen des Vogels und des Wildes hören wollen, daß sie hören wollen, wie die herbstlichen Blätter fallen. Als ich dort so langsam hinstarb, sah ich
vor allem den Fluß, der mir in meinem Leben am meisten bedeutete und den ich liebhatte. Ich hatte ihn so lieb, daß ich sein Wasser in meine Handmuschel nahm und es küßte, wie ein Mann eine Frau küßt. Und ich
spritzte mir den Rest Wasser ins Gesicht und machte die Angelrute fertig. Vor mir strömte der Fluß. Der Mensch sieht zum Himmel auf und in den
Wald hinein, aber niemals sieht er in einen ordentlichen Fluß. Einzig mit der Angelrute läßt sich in einen ordentlichen Fluß hineinsehen.“
Nur keine Angst vor zuviel ungeahnter Zuneigung. Eine erregte Distanz wirkt in der Literatur und im Leben einfach attraktiver als eine aufgeregte
Gastlichkeit. Klopf an und lieb mich nicht. Klopf nicht an und lieb mich endlich. Erst das Spiel der Abweisung macht uns sehnsuchtsnüchtern und
fortschrittstauglich. Der Beginn der Familienentblößung. Die Zumutung von Verlassenheitsangst bei der Überwindung der Kindheit. Das Ende der weinerlichen Schrift. Es muss einfach und immer wieder diese Wut geben,
den Momenten die Ewigkeit anzuvertrauen. Unabhängig davon, ob die Momente dazu gerade wie geschaffen wären. Die Zimmerflaschenpost eines eingespannten Papiers. Das Weltallmetall eines eigenen Tons. Gebt
mir nur eine Minute mit den Wörtern Slagelse, Yelda und Lu Lioli, und ich wehre mich umsonst dagegen, euch süchtig zu machen, abhängig von den Müdigkeitsbrüchen des Alphabets und einer elementaren Verstörtheit
des Nachbetens. Die Angst vor einer vitalen Religion. Aber kein Nachbeten ohne das alleinige Vertrauen in die Musik. Denn nur das, was als seelische Tonfolge empfunden wird, überspringt auf Anhieb das
Dogmatische jeglicher Wiederholung. Die Musik der Ideen als ungetrübter Erkenntnisgesang, für einen flüchtigen Moment ganz da und völlig frei von den Beleidigungen durch das Wissen. Dabei ist die Unbefangenheit
der Naivität ein viel treffsicheres Instrument zum Begreifen als all diese Bildungsgereiztheit zwischen Literatur und Philosophie. Es wird nicht mehr gestaunt. Es wird sich nicht mehr gewundert. Aber es werden
Nachmittagsseminare belegt. Es wird geforscht. Aber schon längst ohne Körper.
Warum sollte ich mir denn von jemandem, der selber dichtet, der aus Studiengründen um den Militärdienst herumgekommen ist und noch nie
mit Alkohol in Berührung kam, die Beachtlichkeit Hölderlins erklären lassen, das Problem des südlichen Wortes bei Benn, bei soviel eigener Vernunft und Lebensglätte. Es gibt sie schon lange nicht mehr. Die
Lebensentscheidung für die Poesie. Es gibt nur noch das Nachher, das Nebenbei der Poesie. Technokratische Betriebsamkeit. Traditionelles, synthetisches Insistieren. Das Nachstammeln erfolgversprechender
Widmungssprache. Das Heraufbeschwören von moralischer Attraktivität. Ein abgeschlossenes Studium, die Politik der gezielten Widmung, für Wulf
Kirsten oder für Richard Brautigan, für Richard Brautigan, in Liebe, eine gnädige, leicht zurückzuverfolgende Tradition und die verblüffende
Ähnlichkeit mit unmittelbarer, literarischer Mittelmäßigkeit bestimmen die heutige Absicherung zufriedener Poesie. Meine Sehnsucht, meine Sucht
nach einer einfachen, klaren Sprache ist in den letzten 10 Jahren immer größer und beständiger geworden. Die Wegbegleiter werden immer weniger. Nicolas Born. Thomas Brasch. Die poetische Solidarität
untereinander ist heutzutage wohl für immer auf der Strecke geblieben. Aber wenn sie noch existiert, zwischen den Dichtern und den Dichtergenerationen, ergibt diese Art der Poesie- und Lebenserweiterung
die höchste menschliche und dichterische Intensität. Die Solidarität untereinander als uneingefordertes Versprechen. Wir wundern uns und schwärmen. Descartes ist seinerzeit auf den Gedanken gekommen, dass
die Verwunderung die erste Leidenschaft sei. Tritt uns ein Gegenstand zum ersten Mal entgegen, den wir so noch nie wahrgenommen haben, hat die Gesellschaft für einen Augenblick ausgespielt, weil wir es sind, als
Einzelwesen, die sich in einer Leidenschaft verbünden. Die Poesie hat eine große Verantwortung gegenüber der gesprochenen und geschriebenen Sprache. Die Genauigkeit in der Poesie, beim Sprechen und Schreiben
führt dazu, dass wir uns ständig darüber vergewissern können, ob uns, ohne dass wir passivesund unreflektiertes Wortmaterial benutzen, eine Fortbewegung in unserem Denken gelungen ist oder ob wir jedes Mal
wieder unbemerkt mit unseren starren, halbfertigen Gedanken über die Runden gekommen sind. Dann brauchen wir uns auch nicht mehr zu wundern. Aber wir wundern uns und schwärmen. Unabhängig davon, ob
ein Schwärmen über die Genauigkeit beim Reden gerade eine kommunikative Lieblingsdisziplin der Gesellschaft sein kann oder nicht. Klopf nicht und komm. Es muss einfach und immer wieder diese
Freundlichkeit geben, unserer Sprache auch Gastlichkeit anzuvertrauen. Gebt mir nur eine Minute mit Liebe, und ich wehre mich umsonst dagegen, euch süchtig zu machen, abhängig von einer kleinen
Vergangenheit in Liebe. Die Erinnerung ist zuständig für das Schwärmen. Und die Gleichzeitigkeit des Schwärmens ist das verbindlichste Glück innerhalb einer Kommunikation. Die Passion, die Leidenschaft, diese
rauschhafte Hingabe an eine von allen verantwortungsfreien Einwänden gereinigten Sprache aus Liebe ist mehr Politik, als sie in der heutigen Gesellschaft erwünscht und gefördert wird. Aber solange es eine
Philosophie der Absicherung, den moralisierenden Geruch von Ambitioniertheit und honorierter Kalkulation gibt, tritt die Poesie der Gesellschaft nicht zu nahe. Wo bleibt die Wahrnehmungsentschädigung
für die Treue des Zweifelns, für die natürliche Einfachheit des Staunens.
Es ist kein Zufall, dass die Literatur und Poesie, die ohne moralische und ideologische Rückversicherung auskommt, ständig dem Vorwurf
ausgesetzt ist, zu apolitisch zu sein, sich nicht genügend um die Welt zu kümmern. Diese Literatur und Poesie muss deshalb auch weiter unter anerkennungswidrigen Vorzeichen auf ihre Bewährungs-Chance hoffen,
aber dass sie überleben wird, ist gewiss. Diese kaum sichtbaren Vorgänge der Unterdrückung, unter der geduldigen Ausschaltung einer sich gottseidank über jegliches Mittelmaß hinwegsetzenden Literatur, einer
gültigen und menschlichen Einzelformulierung, haben als Wahrnehmungsverweigerung eine nichtmenschliche Dimension.
Es muss einfach und immer wieder diese Wut geben, den Momenten die Ewigkeit anzuvertrauen. Die Sturheit der von uns verwendeten Wörter ist
viel wesentlicher als ihr Stolz. Der Stolz hört nicht zu. Die Sturheit nimmt auf. Erst die Solidarität mit der Sturheit und Eleganz des gestaltenden Geistes führt zur Wiedererkennung einer Einzelsprache.
Das treue und trotzige Dasein schon längst vorhandener, aber ständig unterschlagener Poesie. Christoph Meckel. Gerd-Peter Eigner. Ulrich
Zieger. Die Wegbegleiter aber werden immer weniger. Tommaso Landolfi. Djuna Barnes. Hervé Guibert. Robert Kelly. Benjamin Tammuz. Das Prinzip der Durchlässigkeit und Mehrfachnutzung von
Poesie ist mir fremd. Wenn es Schiffe gibt, die kein Wasser hereinlassen, muss es auch Schiffe geben, die das Wasser nicht mehr herauslassen. Klopf nicht an und liebe mich endlich. Der Angler und die Fische. Die
Geduld des Anglers und der Fische. Die Angelrute in einem ordentlichen Fluss. Zimmerflaschenpost und Weltallmetall.
Thomas Kunst
17. April 2004
|