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Neues von der Liebe
"Sonntage ohne Unterschrift" in klassischer Manier zu rezensieren, nein, das geht nicht. Nicht nur, dass es bereits schwierig wäre, eine
neutrale Inhaltsangabe zu geben, nein, es wäre diesem tollen Buch gegenüber auch nicht fair, es wie jedes andere zu behandeln. Deshalb bleibt nur eine Form der Besprechung: ein persönlicher Lesebericht.
Wahrscheinlich komme ich aber trotzdem nicht darum herum, in einem Satz zu sagen, um was es in "Sonntage ohne Unterschrift" geht. Also gut,
versuchen wir es mal: In einem Hotel in New York schreibt ein Mann an, über und für seine Geliebte, eine Frau namens Jeaujeau, erinnert sich an eine gemeinsame Zeit, spricht von sich, von ihr und von Liebe. Viel
sagt dies gewiss nicht über das Buch aus und ich bin mir nicht einmal sicher, ob alles an dieser Inhaltsangabe wahr ist.
Verspielt und Lyrisch Es ist schwer festzumachen, was den Roman zu dem genialen Buch macht, das es ist. Was sicher auffällt und auch
gefällt, sind die vielen Wortneuschöpfungen, die Sprachspiele, die ungewöhnlichen Verknüpfungen von Wörtern, Bildern und Sätzen. Thomas Kunst ist ein mehrfach ausgezeichneter Lyriker, und das merkt man dem
Roman an. Viele Passagen lesen sich wie Gedichte, einige sind Gedichte. Es gibt keinen, aber auch gar keinen Satz, der irgendwie klischiert ist und das, obwohl es um ein so uraltes Thema wie die Liebe geht. Mir
fällt seit Ingeborg Bachmann keine Schriftstellerin und kein Schriftsteller ein, die/der so neu und schön von Liebe schreiben kann. Und das hat Konsequenzen.
Der perfekte Name Noch während ich das Buch las und noch lange nachdem ich es gelesen hatte, konnte ich nicht anders, als verliebt
sein. Unglücklich zwar, aber das ist ja oft besser als glücklich. In wen? Keine Ahnung. In Jeaujeau, in alle Frauen der Welt, in alle Frauen, die ich für meine Jeaujeaus halte. Den Namen hätte Thomas Kunst
ohnehin nicht besser wählen können. Jeaujeau. Ebenso poetisch wie der Name ist das ganze Buch. Dieses kann man problemlos mehrmals lesen, obwohl es voll von Wiederholungen ist, von denselben Motiven und Bildern.
Über manche Sätze kann man schlicht nicht hinweg lesen, man muss sie nochmals lesen, sie laut lesen, um sie zu geniessen. Mit 160 Seiten scheint der Roman auf den ersten Blick eher kurz, aber ihn zu lesen wie
jeden anderen Roman wäre blasphemisch und unverzeihbar. Stopp, langsam wird das hier pathetisch.
Und gleich nochmals Aber auch das ist okay, warum nicht mal ins Schwärmen geraten? Das Buch verdient es. Wäre man nicht von der
grossartigen Sprache eingeschüchtert, möchte man beinahe selbst zu schreiben beginnen, wieder einmal versuchen, schön von der Liebe zu sprechen und diese Sehnsucht, die das Buch heraufbeschwört, festzuhalten.
Sollte sie dennoch entfliehen, muss man das Buch nur wieder in die Hand nehmen. Ich habe ohnehin schon ein schlechtes Gewissen, da ich glaube, das Buch nicht gut genug gelesen zu haben. Ich bin es ihm schuldig, mich
ihm nochmals zu widmen. Es ist sowieso schon klar, dass es das Buch in die Liste meiner zwanzig Lieblingsbücher geschafft hat.
Was bleibt zu sagen? Eigentlich nichts. Dass man das Buch lesen sollte. Aber das sollte ja inzwischen klar geworden sein. Vielleicht noch ein letzter
Versuch, ein Fazit für all jene zu ziehen, die nur diesen Abschnitt hier lesen, da sie eben darin ein Fazit erwarten: Thomas Kunsts "Sonntage ohne Unterschrift" ist eine wunderschöne Liebesgeschichte,
geschrieben in einer Sprache, der jede noch so lobende Beschreibung kaum gerecht wird. Ein Anwärter für unser Buch des Jahres.
Lukas Hunziker, Netzmagazin 133 / Juli 2005, www.netzmagazin.ch
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